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Die Köpfe der Alten

Beim Lesen der American Archaeology, ihrer Lieblingszeitschrift, stösst die Kunsthändlerin May Marlin auf einen Artikel über einen archäologischen Fund in Mexiko, der sie mit einem Schlag in ihre Vergangenheit zurückwirft. In eine Vergangenheit, vor der sie jahrzehntelang geflüchtet ist und die sie bis zu diesem Tag erfolgreich verdrängt hat. Über die Funde weiss sie mehr als irgendein anderer Mensch. Sie befürchtet, dass die Wissenschaftler daraus falsche Schlüsse ziehen könnten. Vor allem jedoch muss sie etwas über das Foto herausfinden, das sie so sehr erschüttert. Sie beschliesst, sich ihrer Vergangenheit zu stellen.



Leseprobe:

New York 2000
Gleich einem ihrer unzähligen Modelle sass sie nun seit bald einer Stunde regungslos an ihrem Arbeitstisch, ihre sonst so lebhaften Augen starr auf ihren Phonographen gerichtet, den Kopf leicht schräg geneigt wie Nipper, der Hund auf dem Label von His Master’s Voice, in Erwartung, dass jeden Moment eine Antwort auf ihre drängenden Fragen aus dem Lautsprecher erschallen würde.

May Marlin war mit ihren dreiundsiebzig Jahren immer noch eine sehr attraktive Frau. Ihre vollen Haare hatten das einzigartige Grau jener Menschen, die in jungen Jahren schwarzhaarig waren. Ihr kräftiger Körper, ihre sinnlichen Hüften, umspielt von einem farbenfrohen Kaftan, und ihre satten, erstaunlich frischen Wangen liessen erahnen, dass sie gutes Essen zu schätzen wusste.

Ein leises Pochen an der Türe löste ihre Starre. Sekundenschnell huschte ein feines Lächeln über ihr Gesicht, das jedoch sofort wieder durch ihre Anspannung überschattet wurde.

Fragend stand Daniel vor ihr. Unmittelbar übertrug sich ihre Anspannung auf ihn, Resultat seiner engen Verbundenheit und Zuneigung zu ihr. Sein eigenes Ich, das er seit Jahrzehnten ganz in die Dienste dieser Frau stellte, war das Spiegelbild des ihrigen. Er fühlte wie sie, er dachte wie sie, er handelte wie sie.

Jahrzehnte. Dabei erschien es ihm wie gestern. San Francisco. Noch heute fühlte er den Blick auf seinem Rücken, der mitten in seinem Herzen landete. Wie gelähmt drehte er sich im Zeitlupentempo um. Da sass sie. Auf einem Randstein in der Nähe des «Dragon Gate», des Eingangstors zu dieser für sie beide so fremden Welt. Ihr Blick spiegelte eine ganze Skala von Gefühlen wider, zu der ein Mensch fähig war: Verzagtheit, Trauer, Sehnsucht, Zerbrechlichkeit, ungestümer Lebenswille, Stärke, wache Intelligenz. Herausfordernd schaute sie ihn an. Durch diese Augen magisch angezogen, setzte er sich neben sie und schaute sie fragend an. Sie würde sich ihm anvertrauen, er wusste es, er musste nur warten.

Zu hören bekam er dann aber nur Bruchstücke ihrer Lebensgeschichte. Sie war siebzehn, ohne Familie, ohne Unterkunft, ohne Arbeit. Dass sie seit Tagen kaum gegessen hatte, brauchte sie nicht erst zu erzählen.

Zu jener Zeit war Daniel Hernandez bei einem spanischen Kunstsammler, der seine Villa in San Francisco nur wenige Monate im Jahr bewohnte, Verwalter, Butler, Chauffeur oder gar Sohn, wenn es dem Hausherrn angebracht erschien, seine Homosexualität zu verleugnen.

«Kannst du kochen?»

«Wer gerne isst, kann auch kochen.»

So kam es, dass er May für die Zeit, in der sein Arbeitgeber in San Francisco weilte, die Stelle als Köchin anbot und sie von der Strasse direkt auf dem Nob Hill landete.

Als sie sich später, selbst erfolgreich, in New York ein riesiges Penthouse kaufte, kündigte er die Arbeit bei seinem Mäzen und bekleidete bei ihr die Stelle als Verwalter, Butler und Chauffeur. In erster Linie aber war er ihr Vertrauter, ihr Freund. Noch heute, mit seinen neunundsiebzig Jahren, liebte er sie, obwohl sie sich immer nur als Freunde begegnet waren.

*

Es schien, als hätte May Marlin Daniel vergessen. Ihren Blick bewegungslos auf das Fenster gerichtet, nahm sie das heftige Unwetter, das über New York tobte, nicht wahr. Leise räusperte sich Daniel und sah sie erwartungsvoll an.

Mechanisch, ihre Augen bereits wieder auf den Phonographen gerichtet, ergriff sie die Zeitschrift, die geöffnet auf ihrem Schreibtisch lag, und schob sie ihm wortlos hin. Es war die American Archaeology, eine ihrer Lieblingszeitschriften.

«Das ist doch …» Ungläubig starrte er auf das Bild. «Aber nein, das kann doch nicht sein!» Verwirrt blickte Daniel erneut auf das Foto und sah sie ratlos an.

«Komm, setz dich zu mir, ich muss dir etwas erzählen», unterbrach sie ihn. «Oder besser noch, öffne uns eine Flasche Bordeaux», bat sie ihn mit dem zauberhaften Lächeln, das nichts von seiner Warmherzigkeit eingebüsst hatte und das ihn noch genau so berührte wie in den ersten Tagen ihrer Bekanntschaft. «Es könnte länger dauern.»